TechPilot
KI

Was ist Retrieval Augmented Generation (RAG)? Einfach erklärt für Einsteiger

Was ist Retrieval Augmented Generation (RAG)? Einfach erklärt für Einsteiger

Das Grundproblem großer Sprachmodelle

Stell dir vor, du fragst ChatGPT nach den neuesten Quartalszahlen deines Unternehmens oder nach internen Dokumenten aus deiner Firma. Die Antwort? Entweder totaler Unsinn oder ein höfliches "Das weiß ich nicht". Und genau hier wird's interessant.

Große Sprachmodelle wie GPT-4 oder Claude sind verdammt gut darin, Texte zu generieren. Sie haben während ihres Trainings Milliarden von Texten gelesen und können erstaunlich menschenähnliche Antworten formulieren. Aber – und das ist ein ziemlich großes Aber – sie kennen halt nur das, was in ihren Trainingsdaten steckte. Meistens bis zu einem bestimmten Stichtag. Alles danach? Fehlanzeige.

Noch problematischer: Diese Modelle haben keine Ahnung von deinen firmeninternen Daten, Kundeninformationen oder proprietären Dokumenten. Sie können auch nicht einfach mal eben im Internet nachschauen oder in einer Datenbank stöbern. Ihr Wissen ist gewissermaßen eingefroren – wie eine Momentaufnahme aus der Vergangenheit.

RAG als Lösung: Wenn KI nachschlagen lernt

Retrieval Augmented Generation – oder kurz RAG – ist im Prinzip die Antwort auf genau dieses Problem. Der Name klingt komplizierter als er ist. Zerlegen wir ihn mal:

artificial intelligence - Was ist Retrieval Augmented Generation (RAG)? Einfach erklärt für Einsteiger
Foto: Sanket Mishra / Pexels
  • Retrieval bedeutet Abrufen oder Suchen – wie wenn du in einer Bibliothek ein Buch heraussuchst
  • Augmented heißt erweitert oder verbessert
  • Generation bezieht sich auf die Textgenerierung durch die KI

Zusammengefasst: RAG erweitert die Textgenerierung durch das gezielte Abrufen relevanter Informationen. Die KI bekommt quasi einen Spickzettel, bevor sie antwortet.

Das Geniale daran? Das Sprachmodell muss nicht komplett neu trainiert werden. Stattdessen bekommt es im Moment der Anfrage zusätzliche Informationen zugespielt – ähnlich wie wenn du bei einer Prüfung deine Notizen durchblättern dürftest, bevor du antwortest.

Wie funktioniert RAG konkret?

Der Ablauf ist eigentlich ziemlich logisch, wenn man ihn erst mal verstanden hat. Wenn du eine Frage stellst, passieren drei Dinge nacheinander:

Schritt 1: Die Suche
Deine Frage wird analysiert und ein Suchalgorithmus durchforstet eine Wissensdatenbank nach relevanten Informationen. Das können PDF-Dokumente sein, Webseiten, Datenbanken, E-Mails – eigentlich alles, was Text enthält. Dieser Schritt nutzt oft Vektordatenbanken, die semantisch ähnliche Inhalte finden können, nicht nur exakte Wortübereinstimmungen.

Schritt 2: Die Kontexterweiterung
Die gefundenen relevanten Textstellen werden zur ursprünglichen Frage hinzugefügt. Das Sprachmodell bekommt jetzt also zwei Dinge: deine Frage plus die relevanten Informationen aus der Datenbank. Wie eine Formel mit zwei Zutaten.

Schritt 3: Die intelligente Antwort
Jetzt kommt das Sprachmodell ins Spiel. Es liest sowohl deine Frage als auch die bereitgestellten Dokumente und formuliert eine Antwort, die auf beiden basiert. Anders als beim reinen "Auswendigwissen" kann es jetzt konkrete Fakten zitieren und mit aktuellen Informationen arbeiten.

Warum RAG die Spielregeln ändert

Der Unterschied zwischen einem normalen Sprachmodell und einem mit RAG ist ungefähr so wie der Unterschied zwischen einer Closed-Book-Prüfung und einer Open-Book-Prüfung. Beides testet dein Verständnis, aber bei der einen Version hast du Zugriff auf Referenzmaterial.

artificial intelligence - Was ist Retrieval Augmented Generation (RAG)? Einfach erklärt für Einsteiger
Foto: MART PRODUCTION / Pexels

In der Praxis bedeutet das: Ein RAG-System kann auf dem neuesten Stand bleiben, ohne dass du das komplette Modell neu trainieren musst. Du aktualisierst einfach die Wissensdatenbank. Neue Produkte im Sortiment? Rein in die Datenbank. Geänderte Firmenrichtlinien? Gleiches Spiel. Das Sprachmodell selbst bleibt unverändert.

Besonders spannend wird's bei firmenspezifischen Anwendungen. Stell dir einen Kundenservice-Chatbot vor, der nicht nur höflich plaudern kann, sondern tatsächlich in Echtzeit auf aktuelle Bestelldaten, Produktinformationen und Supportdokumente zugreifen kann. Das ist der Unterschied zwischen "Ich verstehe Ihre Frage" und "Ihre Bestellung mit der Nummer XYZ wurde gestern verschickt und kommt morgen an".

Die Schwachstellen des Systems

Natürlich ist auch RAG nicht perfekt. Die Qualität der Antworten hängt massiv davon ab, wie gut die Suchkomponente funktioniert. Wenn die relevanten Dokumente nicht gefunden werden, kann das Sprachmodell auch nichts damit anfangen. Garbage in, garbage out – ein alter IT-Spruch, der hier voll zutrifft.

Außerdem gibt's da noch die Sache mit der Latenz. Jede RAG-Anfrage braucht halt länger als eine normale KI-Antwort, weil erst gesucht werden muss. Bei kleinen Datenbanken fällt das kaum auf, aber wenn du Millionen von Dokumenten durchsuchen musst, kann das schon mal dauern.

Und dann wäre da noch die Komplexität. Ein einfaches Sprachmodell zu nutzen ist relativ straightforward. RAG aufzusetzen bedeutet: Du brauchst eine Wissensdatenbank, eine Suchinfrastruktur, einen Embedding-Service für die semantische Suche, und alles muss reibungslos zusammenspielen. Das ist definitiv kein Projekt für einen Nachmittag.

Praktische Anwendungsfälle im echten Leben

RAG kommt überall dort zum Einsatz, wo KI mit spezifischem, aktuellem oder proprietärem Wissen arbeiten muss. Im Kundenservice können Mitarbeiter damit in Sekundenschnelle auf das gesamte Produkthandbuch zugreifen, ohne jede Seite einzeln durchblättern zu müssen. Die KI findet die relevante Stelle und formuliert eine verständliche Antwort.

In der Rechtsbranche nutzen Anwälte RAG-Systeme, um durch Tausende von Gerichtsentscheidungen und Gesetzestexten zu navigieren. Statt tagelang zu recherchieren, können sie konkrete Fragen stellen und bekommen die relevanten Präzedenzfälle geliefert – inklusive Quellenangaben.

Auch in der Medizin zeigt sich das Potenzial. Ärzte können Symptombeschreibungen eingeben und das System durchsucht medizinische Fachliteratur, aktuelle Studien und klinische Leitlinien. Das ersetzt natürlich nicht die ärztliche Expertise, aber es kann als zusätzliches Werkzeug verdammt hilfreich sein.

Der Blick nach vorne

RAG ist gewissermaßen noch in den Kinderschuhen, aber die Richtung ist klar. Wir bewegen uns weg von statischen KI-Modellen hin zu dynamischen Systemen, die sich laufend aktualisieren können. Die nächste Generation wird vermutlich noch intelligenter darin sein, welche Quellen sie heranzieht und wie sie Informationen kombiniert.

Was mich persönlich fasziniert: RAG demokratisiert den Zugang zu komplexem Wissen. Du musst kein Experte mehr sein, um expertenhaft klingende Antworten zu bekommen – du brauchst nur Zugang zur richtigen Wissensdatenbank. Ob das immer gut ist? Darüber lässt sich streiten. Aber ignorieren können wir diese Entwicklung jedenfalls nicht.

Für Unternehmen bedeutet RAG eine echte Chance, ihre KI-Investitionen praktisch nutzbar zu machen. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt – mit den Daten, die sie bereits haben. Und das ist vielleicht der größte Vorteil: RAG ist keine Science-Fiction mehr, sondern verfügbare Technologie, die heute schon funktioniert.